Fakten und Mythen zum Elfmeter

Foto: Olaf Heil

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„Elfmeter“ brüllt es durch´s Stadion! Ein Teil der Zuschauer regt sich auf, der andere Teil freut sich über die Torchance seiner Mannschaft.

Frust bei den einen, Hoffnung bei den anderen. Kribbelnde Aufregung überall. Sie legt sich, während der Schütze den Ball auf den weißen Punkt legt und einige Schritte rückwärtsgeht. Gleichzeitig positioniert sich der Torwart auf der Torlinie, stellt sich aufrecht, hampelt mit den Armen, duckt sich nach rechts und links und fixiert den Schützen. Bald darauf pfeift der Schiedsrichter. Der Schütze läuft an, verzögert und schießt gekonnt. Der Torwart kommt nicht an den Ball. Er hatte sich in die „falsche“ Ecke bewegt. Der tausendfache Schrei „Tooooor“ erlöst die Fans des Schützen. Der geschlagene Torwart wird kaum beachtet. Seine Abwehrchancen waren nur gering. Hätte der Schütze nicht getroffen, wäre er als „Versager“ bezeichnet worden. Hätte der Torwart gehalten, wäre er gefeiert worden. Jeder von uns kennt die Dramatik zum Fußball-Elfmeter, zum Strafstoß im Spiel oder zum Elfmeterschießen nach Verlängerung. Jeder erinnert sich an Enttäuschungen und Glücksgefühle eines Elfmeter-Erlebens. Aber, was wissen wir über Hintergründe?
Wie weit ist es Glück oder überlegtes Handeln, was da passiert? Sieben Fragen dazu. Jeder kann zunächst für sich antworten, bevor er den nachfolgenden Text liest.

ZU TREFFERQUOTEN (FRAGEN 1 UND 2):
In der 1. Bundesliga wurden in den Jahren 1963 – 2011 Strafstöße zu etwa 74 % erfolgreich verwandelt. Diese Quote ist beim Elfmeterschießen in internationalen Turnieren niedriger, zum Beispiel bei Weltmeisterschaften bei 71 % oder sogar noch darunter. Interpretiert wird diese Differenz als Wirkung psychischer Belastungen, also „Druck“ bei der Ausführung. Ein weiterer Hinweis auf den psychischen Druck: Je später die Ausführung des Elfmeters in der regulären Spielzeit erfolgt oder je später sie in der Abfolge des Elfmeterschießens ist, desto geringer wird die Erfolgsquote. Anders ausgedrückt: Je bedeutsamer der Elfmeterschuss für den Spielausgang ist, desto geringer die Erfolgsquote. Die Trefferquote liegt bei Schüssen in das obere Drittel des Tores (manche Analysen sprechen von der oberen Hälfte des Tores) bei 80 – 100 %. Im „Konflikt“ zwischen Geschwindigkeit
und Genauigkeit des geschossenen Balles wird empfohlen, dass etwa 75 % der Maximalgeschwindigkeit mit der besten Trefferquote verbunden ist. Wer ist der geeignete Schütze, dem Druck standzuhalten? In Experimenten mit aktiven Fußballern wurden Trefferquoten beim Elfmeterschießen mit „normalem“ und mit „hohem“ Druck ermittelt. Sie lagen bei 75 % für normalen und bei 63 % für hohen Druck. Dieser hatte darin bestanden, durch Lärm von Zuschauern und durch Geldprämien die Bedeutung des Elfmeters zu verstärken. Auch Persönlichkeitsmerkmale der Fußballer wurden im Experiment gemessen. Schützen mit hoher Wettkampfängstlichkeit hatten eine bis zu 30 % geringere Trefferquote als
diejenigen mit geringer Ängstlichkeit. Unter hohem Druck wurde dieser Einfluss der Ängstlichkeit besonders deutlich.

ZUR ANFORDERUNG AN DEN TORWART (FRAGE 3):
Die Fläche des Tores beträgt 17,5 m². Geht man davon aus, dass der Torwart etwa 5 m² mit Körper, Armen und Beinen abdecken kann, dann ist eine beträchtliche „Lücke“ für den Schützen verfügbar. Die Ballgeschwindigkeit liegt zwischen 80 – 100 km/h, das ergibt eine Flugzeit des Balles von etwa 0,4 Sekunden. Der Torwart braucht aber etwa 0,2 Sekunden Reaktionszeit, bevor die Bewegungen zum Ball beginnen können. Das bedeutet, er hat nur noch 0,2 Sekunden Zeit, den Ball zu erreichen. Das ist zu kurz. Er muss eigentlich schon vor Schussabgabe in Bewegung sein. Aber das kann nur eine „spekulative“ Bewegung sein. Er muss aus den Bewegungen des Schützen ableiten, wohin der Ball wahrscheinlich fliegen wird.

ZUR TRIKOTFARBE, INSBESONDERE ROTES TRIKOT DES SCHÜTZEN (FRAGE 4):
Die Farbe Rot soll neben positiven Signalen (Energie, Wärme, Leidenschaft) auch Aggression und Zorn ausdrücken. Ist sie mit Erfolg beim Elfmeterschießen verbunden?
Dazu wurden Hunderte von Schüssen beim Elfmeterschießen auf internationalen Turnieren ausgewertet. Die Trikotfarbe des Schützen hatte keinen statistisch bedeutsamen Einfluss auf die Trefferquote. Jedoch gab es eine schwache Tendenz für eine erhöhte Trefferquote, wenn der Torwart ein rotes Trikot trug. Ob er wohl besser zu erkennen war als zu vermeidende „Fläche“ im Tor?

DER GEFOULTE SCHIESST DEN STRAFSTOSS; SOLLTE ER DAS TUN (FRAGE 5)?
Ob der Gefoulte oder ein anderer Spieler den Elfmeter ausführt, hat keinen Einfluss auf die Trefferquote von etwa 74 %. Mehr als 800 Elfmeter aus der Bundesliga wurden dazu analysiert. Davon wurden 12 % von den Gefoulten übernommen. Deren Trefferquote unterschied sich nicht signifikant gegenüber den Nicht-Gefoulten. Bei der genaueren Analyse möglicher Einflussfaktoren zeigte sich, dass allein die bisherige Trefferquote des Schützen den aktuellen Treffer oder Misserfolg des Schützen vorhersagt. Nicht bedeutsam sind das Alter des Schützen, dessen Spielerfahrung, die Spielminute des Elfmeters, der Heimvorteil, der Tabellenplatz sowie der Spielstand bei Ausführung des Elfmeters.

ZUR „SPEKULATION“ DES TORWARTS, ZUM BEISPIEL DER ANLAUFWINKEL DES
SCHÜTZEN (FRAGE 6):
Videoaufnahmen von Elfmetern wurden Versuchspersonen (Torhüter, Feldspieler, Nicht-Fußballer) gezeigt. Die Schützen hatten Anlaufwinkel zum Ball von 0°, 10°, 20° bis 50°, jeweils von rechts oder links. Auf dem 3-sec.-Video war nur der Anlauf zu sehen, nicht der Schuss. Die Versuchspersonen hatten vorherzusagen, wo der Ball auf´s Tor kommt, „links oder rechts“ sowie „oben oder unten“. Beste Vorhersagen der Schussrichtung gelingen beim Anlaufwinkel von 20° bzw. 30°. Bei der Genauigkeit der Vorhersage sind Torhüter und Schützen effektiver als Nicht-Fußballer. Die „Spekulation“ des Torwarts beruht also auf Erfahrungen, den Schützen genau zu beobachten.

ELFMETERSCHIESSEN DER DEUTSCHEN NATIONALMANNSCHAFT (FRAGE 7):
Gibt es typische Gewinner- oder Versagernationen beim Elfmeterschießen? Wie ist die Erfolgsquote der deutschen Mannschaft bei internationalen Turnieren, wenn das Elfmeterschießen über Sieg oder Niederlage entscheidet? Die EM- und WM-Turniere der Jahre 1996 bis 2012 wurden für 27 beteiligte Nationen ausgewertet. Es gab 322 Elfmeterschüsse. Deutschland hatte eine Trefferquote von 100 %, hingegen England, Niederlande und Italien von etwa 66 %. Frankreich und Spanien von 84 bzw. 76 %. Auch andere Nationalmannschaften (z. B. Tschechien, Belgien und Korea) wiesen eine 100 %-Quote aus, waren aber erheblich seltener beim Elfmeterschießen beteiligt. Die statistische Analyse zeigte, dass die Nationalität ein bedeutsamer Faktor für die Trefferquote war. Somit kann geschlussfolgert werden, dass offenbar die deutsche Nationalmannschaft eine wirklich
erfolgreiche Strategie beim Elfmeterschießen hat. Die Interpretation dieser Analyse betont – eher spekulativ –, dass der Erwartungsdruck bei einigen Nationen mit besonders erfolgreichen Clubmannschaften offenbar auf die Nationalmannschaft übertragen wird. Deshalb werde dieser Druck beim entscheidenden Elfmeterschießen auch von den Schützen in besonderer Weise erlebt.

Die Redaktion wünscht allen Lesern viel Spaß beim Erleben des nächsten Elfmeterschießens!
Ein Text von Prof. Dr. Andreas Seeber (Mitglied der Männer-
gesundheits-Abteilung)

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